Wir schreiben das Jahr 1886. Der deutsch-österreichische Psychiater Dr. Richard von Krafft-Ebing bringt in seiner psychiatrischen Abhandlung „Psychopathia sexualis“ erstmals den Begriff „Masochismus“ in Umlauf. Zwanzig Jahre zuvor hatte er sich bereits mit dem Gegenbegriff, dem Sadismus, beim göttlichen Marquis bedient, aber nun traf es einen Zeitgenossen – den Autor des Werkes „Venus im Pelz“ Leopold von Sacher-Masoch.
Diese Entwicklung gefiel dem Autor gar nicht, ging es ihm doch in seinem Werk in erster Linie nicht um schnöden Sex oder das literarische Ausleben von „Perversionen“, sondern vielmehr um die Verbindung von Liebe, Kunst und Ästhetik. Leopold von Sacher-Masoch ärgerte sich zurecht, denn die Funktionalisierung seines Namens brachte ihn und seine Werke damals ordentlich in Verruf. Allerdings gewannen seine Bücher dadurch auch an Bekanntheit und im Jahre 2003 – beim Kulturfestival der Stadt Graz im Hotel Erzherzog Johann – wurde überdies die Sacher-Masoch-Torte zu seinem Gedenken kreiert. Zum Nachbacken: das Rezept der herkömmlichen Sacher-Torte, nur mit Johannisbeer-Marmelade statt Aprikosen-Marmelade. Aber dies sei nur am Rande erwähnt.

Alles klar, Sacher-Masoch war also der Prototyp des Masochisten und deswegen wurde letztlich eine Torte nach ihm benannt?

Kurz gesagt, wäre dies durchaus anzunehmen. Aber werfen wir doch einmal einen schnellen Blick in die „Venus im Pelz“. Neben der expliziten, orgiastischen zerstörerischen Darstellung der Sexualität in den Schriften de Sades wirkt Sacher-Masochs Roman verklärt romantisch und stark ästhetisierend. In der Beziehung des Protagonisten Severin und seiner Herrin Wanda passiert, im Vergleich zu de Sade, eigentlich nicht viel Handfestes. Es wird hauptsächlich geschmachtet und vor allem idealisiert:

„Welcher Genuß war es für mich, wenn ich, vor ihr auf den Knien liegend, ihre Hände küssen durfte, mit denen sie mich damals gezüchtigt hatte. Ach! Was für wunderbare Hände! Von so schöner Bildung, so fein und voll und weiß, und mit welch´ allerliebsten Grübchen. Ich war eigentlich nur in diese Hände verliebt. Ich trieb mein Spiel mit ihnen, ließ sie in dem dunklen Pelz auf und abtauchen, ich hielt sie gegen die Flamme und konnte mich nicht sattsehen an ihnen.“ (Leopold von Sacher-Masoch, Venus im Pelz)

Pornographisch? Wichsvorlage? Mitnichten. Diese kurze Textpassage zeigt sehr anschaulich, worauf der Autor seinen Fokus legt. Für Severin bleibt seine Herrin Wanda, die den Mittelpunkt seines Begehrens darstellt, immer mehr künstliches Phantasie-Gebilde als reale Person. Dunkler Pelz, weiße Haut – ein strenges Objekt der Begierde. Seine selbst erwählte Herrin Wanda dient Severin folglich als reine Projektionsfläche seiner sexuellen Vision. Sie wird von ihm nicht als eigenständige Person wahrgenommen, sondern dient lediglich der Befriedigung seiner individuellen Bedürfnisse. Es wird inszeniert was das Zeug hält. Eine italienische Villa wird gemietet, Pelze und Kostüme werden erworben und Statisten herbeizitiert, und das alles nur, um eine Liebesaffäre ganz nach den Wünschen des passiven Parts zu gestalten. Plakativ ausgedrückt, ist Wanda im Pelz genau das, was der reiche, attraktive Geschäftsmann Christian Grey aus dem Buch „Shades of Grey“ für die Eskapismusfantasien sexuell gelangweilter Hausfrauen darstellt – eine idealisierte Phantasie, in welcher der Phantasierende stets der aktive Part des Spiels bleibt. Ist Masochismus also hauptsächlich eine Inszenierung, in der die Regie von den sexuellen Phantasien des passiven Parts geführt wird?

BDSM – nichts als ein Schauspiel das dem passiven Part folgt?

Betrachtet man diese These im BDSM-Kontext, fällt auf, dass bei dieser Form der Sexualität tatsächlich unheimlich viel Wert auf die Darstellung gelegt wird. Und das vornehmlich nach literarischem Vorbild. Wir tragen den „Ring der O“, lieben exklusive erotische Kleidung, teure Fesseln und geben zudem unfassbar viel Geld für neue Schlagwerkzeuge und Sex-Toys aus. Der „Sklavenvertrag“ als erotische Komponente hat seinen literarischen Ursprung in Sacher-Masochs „Venus im Pelz“ und viele der beliebtesten Regeln – wie beispielsweise das Verbot des Zusammenschließens der Beine und der Wunsch des Herrn, dass der Mund der Sub immer leicht geöffnet zu verbleiben hat – stammen aus dem bekannten Roman „Die Geschichte der O“ von Anne Desclos. In Anbetracht dessen ist BDSM also eine durchaus literatur-affine Leidenschaft, die von ihren Anhängern aufwendig visualisiert und in die Realität gebracht wird. Auf einer gut organisierten SM-Party findet sich ein Wechselspiel der unterschiedlichsten Fetische und es werden Umstehende als Zuschauer lustvoll in die eigene Inszenierung eingebettet. Historisch angehauchte Möbel wie Käfige, Pranger oder der spanische Reiter sorgen zudem für eine kunstvoll theatralische Atmosphäre. BDSM bedeutet, neben vielem anderen, auch immer Kreativität und Liebe zum Detail. Eine gute Session steht und fällt mit ihrer Vorbereitung. Und es wird schnell klar, dass hier nicht nur der passive Partner im Spiel die Regie führt, sondern dass hier zwei (oder mehr) Menschen aufeinandertreffen, um ihre Wünsche und Phantasien miteinander in Einklang zu bringen, was nicht nur Kompromisse bedeutet, sondern oftmals ganz neue, lustvolle Szenarien schafft. Hinzu kommt, dass die eigenen Ideale oftmals aufgebrochen werden, wenn sich Beziehungen in Richtung Realität bewegen. Zum Glück. Denn wenn wir rastlos auf der Suche nach der Partnerin mit Idealgewicht oder dem Partner mit tollem Job, geiler Wohnung und Sixpack wären, würde das schlichtweg in dem meisten Fällen einsam enden. Wir sind also immer auf das Zutun und die Kooperation unseres Gegenüber angewiesen. Und auf unsere Flexibilität, was die eigenen sexuellen Vorstellungen angeht. Wir entdecken neue Facetten und lernen dabei, dass unsere sexuellen Phantasien nicht in Stein gemeißelt sind. Die Partnerin wird nicht täglich im Korsett und im Rock der O mit offenen Schenkeln und bereiten Lippen zur Verfügung stehen und die meisten Männer sind froh, wenn sie nach Feierabend den Anzug oder die Arbeitskleidung gegen etwas Bequemeres tauschen können. Im Gegensatz zur literarischen Vorlage darf der aktive Part im Alltag auch einmal zu schwach sein, um Dominanz zu zeigen und der passive Part mitunter keine Lust haben, zu leiden.
Und dann kommt das Verlangen nach Inszenierung wieder und wir schlüpfen in schöne Dessous, lassen uns die Sicht mit edlen Seidenschals nehmen, tragen feine Strümpfe, teure Hemden und genießen den Augenblick, die Hingabe des Partners und die starke Hand, die sich unnachgiebig in den Nacken krallt.

Aber wie erging es eigentlich dem unfreiwilligen Namensgeber des Masochismus?

Die 1906 erschienen Schriften seiner ersten Ehefrau Aurora Rümelin, die unter dem Pseudonym „Wanda von Sacher-Masoch“ schrieb, bedienten nicht nur das Interesse der Allgemeinheit an plakativen Themen wie Fetischismus, Flagellation und Sadomasochismus. Sie schienen darüber hinaus einen direkten und sehr indiskreten Einblick in das Eheleben Sacher-Masochs zu bieten: Gemäß den schriftlichen Aussagen seiner ersten Ehefrau genoss Leopold von Sacher-Masoch selbst masochistische Praktiken. Sobald herauskam, dass seine Geschichten angeblich nicht der reinen poetischen Phantasie entsprungen waren, hatte der Autor das Stigma des „perversen“ Masochisten inne. Dass der Masochismus mitunter als pervers bezeichnen wurde und teilweise noch immer wird, verrät allerdings weniger über die Masochisten, als über die kollektive Einstellung dieser doch sehr menschlichen Seite gegenüber: Schmerz und Freude gehen seit jeher untrennbar einher. Und das hingegen, was mit Vernunft und Normalität gleichgesetzt wird, dient häufig nur als Mittel, jenes von uns fernzuhalten, das wir nicht verstehen oder nicht verstehen wollen. Was letztlich bleibt, ist ein Begriff, der wesentlich vielschichtiger ist, als die gemeinhin vorherrschende Vorstellung von der „Lust, selbst Schmerzen zu erleiden“. Genau so wenig, wie es dem Begriff des Sadismus gerecht wird, lediglich als „die Lust, einem anderen, Schmerzen zuzufügen“ ausgelegt zu werden.

Lust auf mehr? Literaturempfehlungen zum Thema:

Torben Lohmüller: Die verschlagene Lust, Zur ästhetischen Subversion im Masochismus.

Theodor Reik,: Aus Leiden Freuden. Masochismus und Gesellschaft.

Michael Gratzke: Liebesschmerz und Textlust.

Lilium

Lilium

Lilium hat ihr Studium in Literaturwissenschaften und Mediävistik mit dem Schwerpunkt Sadomasochismusforschung abgeschlossen und lebt ihre BDSM-Neigung auch im Alltag offen aus. Die gebürtige Berlinerin ist nicht nur wahnsinnig neugierig darauf, was andere zu erzählen haben, sondern gibt zudem gerne einen Einblick in ihre ganz privaten Leidenschaften.

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