„Thou has not half the power to do me harm
As I have to be hurt“

Shakespeare, Othello

Die Thematik des Leidens an der Liebe zieht sich wie ein roter Faden durch alle Epochen der Weltliteratur und Kulturgeschichte. In der Antike nannte man es morbus amatoris im Mittelalter hêrzeleid und an einen der berühmtesten Vertreter des klassischen Liebeskummers – den jungen Werther – werden sich wohl einige noch mit oder ohne Unbehagen aus dem Deutschunterricht erinnern. Nirgends anders als in der Literatur lässt sich zudem so wunderbar leiden und schmachten. Die Melancholie wurde vor allem im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts von vielen Zeitgenossen als Beweis einer besonderen Sensibilität angesehen und mit der Mode des „joy of grief“ der englischen Literatur des 18. Jahrhunderts in Verbindung gebracht. Der Dichter und Journalist Christian Schubart begann seine Rezension von Goethes „Werther“ mit den Worten: „Da sitze ich mit zerflossenem Herzen, mit klopfender Brust, mit Augen, aus welchen wollüstiger Schmerz tröpfelt, und sag´ Dir, Leser, dass ich eben die Leiden des jungen Werthers von meinem lieben Goethe – gelesen?- Nein, verschlungen habe.“ Das passionierte „Leiden an der Liebe“ war etwas, das dem zeitgenössischen Leser durchaus „wonnige“ Freuden bereiten konnte. Und so verhält es sich auch heute noch.

Eine meiner persönlichen „Lieblings-Leidenden“ war schon immer Sigune, eine Figur aus Wolfram von Eschenbachs höfischem Roman „Parzival“, ein Werk, das in seiner Gedankentiefe wohl auch eines der beeindruckendsten Werke der höfischen Literatur des 13. Jahrhunderts darstellt. Aber das sei nur am Rande erwähnt für alle Mittelalter-Nerds. Nun aber die Geschichte in der Kurzversion:
Sigune und ihr Gatte Schîanatulander machen in einem Wald Rast, als beide von dem Gebell eines Jagdhundes gestört werden. Der Hund trägt ein wertvolles Halsband und eine ebenso kostbare Leine. Sigune verlangt daraufhin als Gunstbezeugung Schîanatulanders den Hund einzufangen. Schianatulander findet dabei den Tod. Aus Gram darüber reißt sich die schöne Sigune alle Haare aus, wäscht sich nicht mehr und hält tagelang klagend den leblosen Körper ihres Geliebten im Arm. Später entsagt sie den Freuden des Lebens und legt das Büßergewand an. Die totale Selbstaufgabe.
Ein Motiv, das der geneigte Leser Jahrhunderte später in der Geschichte der O. wiederfindet. Und nicht nur dort.

Der kulturell geistige Umgang mit dem Leid an der Liebe ist ein fester Bestandteil unserer Sozialisierung. Ein Bestandteil, der für uns nicht ungefährlich ist, denn er bedingt, dass wir dazu neigen, dem Zustand des Liebeskummers mehr Macht über uns zu geben, als es eigentlich notwendig wäre. Vor allem BDSM-Beziehungen, die von intensivem Vertrauen und dem Herantasten an persönlichen Grenzen leben, ist es extrem schwer, einen Schlussstrich zu ziehen. Wir haben mit unserem Partner Dinge geteilt, die wir nicht einmal unseren engsten Verwandten anvertrauen würden, uns nicht nur körperlich sondern auch seelisch ausgezogen und zusammen unsere ganz eigene Welt aus Lust und Schmerz geschaffen. Zugegeben, das klingt jetzt ebenfalls wie aus einem (leider nicht sehr guten) Liebesroman, aber wenn es um die Liebe geht, darf Theatralik nun einmal nicht fehlen. Wie habe ich gelitten, geweint beim Anblick der Fesseln, die mir so vertraut waren; keinen Halt mehr, keine Struktur, niemand mehr, der von mir erwartet, dass ich seinen Befehlen gehorche. Eigentlich seltsam, wie schnell man sich plötzlich ausschließlich auf seinen Kummer reduziert, wie einfach es ist, sich komplett in den Trennungsschmerz hineinzusteigern. So tief, bis es einem nicht mehr wirklich seltsam vorkommt, dass sich Wolfram von Eschenbachs schöne Sigune aus Gram die Haare büschelweise ausgerupft hat.

Ich selbst habe aus Liebeskummer schon viele merkwürdige Dinge getan, vom nächtlichen Auftauchen auf der Türschwelle des vermeintlichen Geliebten nach dem Kneipenbesuch über herzzerreißende Liebesbriefe, für die ich mich bis zur Apokalypse schämen werde, verzweifelte Anrufe, teure Geschenke… wer das nicht kennt, der werfe den ersten… was auch immer. Das aber, was wir meistens komplett aus den Augen verlieren, ist der eigentliche Grund der Trennung. Zwei Menschen haben sich getroffen, verliebt und dann irgendwann festgestellt, dass entweder das Lebenskonzept, die Gewohnheiten oder der Charakter nicht zusammenpasst und es daher schlichtweg nicht funktioniert. No Future. Zumindest nicht zusammen. Aber was ist, wenn man beispielsweise in einer 24/7 Beziehung gelebt hat? Wie viel Nachsorge ist notwendig? Natürlich ist der dominante Part hier in der Pflicht, seine Ex-Partnerin zu unterstützen, dafür zu sorgen, dass sie wieder mit halbwegs festen Beinen auf dem Boden steht. Dein Partner hatte Zugang zu deinem Email-Account, deinem SZ-Profil, hat deine Finanzen verwaltet und dir Taschengeld zugeteilt? Das alles sollte erst einmal geregelt werden, bevor man sich in die Arme des Kummers wirft. Du hast jede Nacht nackt und gefesselt geschlafen? Du bist jeden Morgen davon aufgewacht, dass Dein Körper auf herrlichste Weise benutzt wurde. Stimmt, das ist alles nicht einfach. Verdammt nicht einfach, plötzlich ohne den Herren oder die Sklavin weiterzumachen.

Eine Freundin von mir sagte einmal „wenn du einen Mann vergessen willst, dann leg dich unter einen anderen.“ Das ist mit Sicherheit der warme, billige Wodka pur der Ratschläge, heißt aber im Grunde genommen nichts anderes als: Hör auf zu heulen und entwickele dich weiter! Natürlich ist es anstrengend. Man meldet sich wieder in einer einschlägigen Partnerbörse an, obschon man noch nicht einmal bereit dazu ist. Aber flirten lenkt ab. Und es ist wie verhext. Niemand scheint zu passen, man fühlt sich auf einmal, als hätte man die letzte Chance auf einen vernünftigen Partner leichtfertig verspielt und es würde nichts Besseres mehr kommen. Gefangen zwischen Superdom69 und DevoteMausu85 verliert sich die aufkeimende Hoffnung. Man wünscht sich nichts sehnlicher, als den alten Partner zurück und vergisst dabei, das es mit selbigem auch nicht gerade unkompliziert und schön war. So werden On-and-Off-Beziehungen geboren. Genau diese Beziehungen, die eigentlich nicht funktionieren, aber zu denen man immer wieder zurückkehrt, weil es vertraut ist, bequem und die nostalgischen Gefühle beim Anblick der gewohnten, geliebten Fesseln hochkommen. Morgens aufwachen und auf einmal ist man wieder zusammen bis zum nächsten Ende. Weil Liebeskummer ja so schmerzhaft ist. In der Tat, das ist er. Aber wir überleben in unserem Leben mehrere fiebrige Erkältungen, Masern, brechen uns Knochen und so einiges mehr, dann schaffen wir das auch locker. Einige meiner Freunde verwenden ihr Spielzeug mit dem nächsten Partner und finden nichts dabei, andere kaufen alles neu. Jeder findet seine Art damit umzugehen. Allen, die sich akut in den Fängen des Liebeskummers befinden, kann ich nur einen Ratschlag meiner verstorbenen Oma ans Herz legen, den sie für Verletzungen aller Art stets bereit hielt: „Mädel, in zehn Jahren hast Du das alles vergessen.“ Hat bei mir bislang immer wunderbar funktioniert. Warum sollten wir also einem temporären Gefühl so viel Macht über unser Leben geben und einer anderen Person derart viel Einfluss auf unserem persönliches Glück zugestehen?

Das Leben ist doch letztendlich wie ein Fluss. Manchmal macht der Fluss unerwartete Kurven und wird mitunter für eine kurze Zeit zur Stromschnelle. Wenn wir uns nun verzweifelt an einem Felsen festkrallen, werden wir uns verletzen und ertrinken, lassen wir uns aber treiben, wird der Fluss uns tragen und irgendwann wieder ruhig werden.

Lilium

Lilium

Lilium hat ihr Studium in Literaturwissenschaften und Mediävistik mit dem Schwerpunkt Sadomasochismusforschung abgeschlossen und lebt ihre BDSM-Neigung auch im Alltag offen aus. Die gebürtige Berlinerin ist nicht nur wahnsinnig neugierig darauf, was andere zu erzählen haben, sondern gibt zudem gerne einen Einblick in ihre ganz privaten Leidenschaften.

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